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Archiv für den Monat Februar 2017

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Sie hatte in jungen Jahren eine ungeheure Furcht entwickelt vor Frauen und Männern mittleren Alters in adretter Katalogkleidung. Diese zehrenden Gestalten, mit Erwartung in jeder unsichtbaren Gesichtspore, jagten sie im Traum. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie oft es bloßes Vorwärtsweben dieser Träume war und wie oft sie tatsächlich durch ihr Fenster im ersten Stock geflüchtet war, um als blondes Raubtierwesen die Wälder nach nassen schlafknisternden Federn abzusuchen. Womöglich hatte sie es nur ein einziges Mal tatsächlich getan. Und doch plagten sie jeden Morgen auf dem Schulweg Gliederschmerzen.

Ihre Angst trieb sie zu den Punks. Sie war dreizehn als ihr erster fester Freund, der neunzehnjährige Gerrit, sie in die Hardcoreszene einführte und ihr den Undercut verpasste, über den die Religionslehrerin ein Jahrzehnt später noch trauernd zu sprechen kam. Dem Leben als unendlicher Loop solcher Trauer entkam sie mit einundzwanzig. Ein einziges Mal MDMA und nie wieder sich selbst belügen. Nicht alle machten diese Erfahrung. Sie schon. In diesem einen Endorphinenbad freundete sie sich mit der Raubkatze aus der Kindheit an. Echte Liebe überkam sie wie Schüttelfrost im selben Jahr. Ein Mann in BWLer-Montur, mit winzigen – alles bedeutenden – Akzenten (Anstecknadeln mit Magrittemotiven), erfand ihr eine die gespannten Schultern einlullende Weltschicht, die weder Himmel noch Hölle, weder Haus noch Baum brauchte. Angst wurde Licht. Lichter wurden Regenbögen. Tränen wurden Baren des Wohlwollens.

Ihr Herz brach auf. Die Liebe hielt nicht ewig. Nicht einmal besonders lange. Aber die Brise, die durch den Riss schlich, zeigte noch nach ihrem Tod mit einundsechzig so manchem, der sie zu Lebzeiten berührt hatte, den Weg über trauernde Gewässer, wildäugige Wipfel und Gehweghaufen komatös geraveter Ex-Punks.

– Seiltänzer

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