Szene vorm Café Garbo

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Und so warte ich, dass alles endet. Drücke heimlich Zigaretten aus, die ich nicht erinnere geraucht zu haben. Im überfüllten Aschenbecher, chromgerahmtes schwarzes Meer alten Atems, liegt das Schicksal.
Sie kommt- ich spüre ihren Duft und schmecke ihren Gang bevor sie auftaucht. Sie trägt ein blaues Kleid, den Einteiler für den es einst Komplimente und später im Austausch nasse Lippen auf Oberschenkel regnete. Es hatte was von Papier- dazu geeignet, im Hauch eines Moments aufgerissen oder angezündet zu werden. Der Stuhl kriecht über das Pflaster, sie sitzt. Wo kommt das Blond in ihren Haaren her?

Mein Opa hat Krebs, sage ich. Ich tue ihr eine Sekunde lang Leid. Geht dem Ende zu, sag ich. Wie läuft‘s? Gut, sagt sie- Zähne blitzen. Eine Zeit lang hatte ich Bilder von Sharon Tate an meiner kahlen Wand, über die sie sich ständig lustig machte; nun sieht sie genauso aus. Wenn ich zurückdenke, erkenne ich eine sukzessive Entwicklung, angefangen mit dem ersten Blick auf meine Wand.
Also reden wir über nichts und doch fällt kein noch so schüchterner Gedanke unter den Tisch. Er landet lediglich verkehrt herum, darauf wartend, umgedreht zu werden, wie in der sechsten Klasse beim stummen Reichen von Zettelchen, die ungelesen die Hoffnung endlosen Lebens in sich bergen. Ich wende sie dennoch, eins nach dem andern, und zum Schluss höre ich auf zu warten, weil ich weiß was kommt und nicht des Redens wert ist. Sie ist immer noch da. Wollte sie gehen, wäre sie längst fort. Mit jemand anderem. Einem dieser Typen, die was zu bieten haben, von denen allein hier im Café gleich drei vor uns sitzen; hier im Garbo, wo Träumer aufeinandertreffen, um genüsslich die Träume der anderen an sich zerschellen zu lassen.
Sie ist hier, sie bleibt, egal wie weit. So wie ich. Weder sie noch ich können was dafür. Das Stigma gemeinsamer Zeit.

Nur kurz verlaufen. Ich weiß nicht genau, welcher Teil unseres Seins so primitiv ist, dass er von Medien und Bildmaschinen in Anzügen gespielt werden kann wie Saiten einer Hoffnung schreienden Gitarre, aber eine Weile lockte mich der Schimmer dessen, was man nicht besitzen kann.

Nun auf kalten Alustühlen, die sich nur langsam erwärmen im Schein. Vor ein paar Jahren – am Anfang – da saßen wir auf den Betonstufen des Theaters dieser Stadt, die uns die Welt mimte. Ich stützte die Hände ab und horchte dem braunen Dreck beim Knirschen zu, fühlte ihn die Finger segnen. Der graue Beton- nicht kälter als ihre Wange, die ich aus Versehen mit meinem Daumen beschmutzte, ihr aber nichts sagte, und als sie es zurück in der Wohnung bemerkte, regte sie sich lachend auf: Sie sei die ganze Zeit so unter Leuten gewesen, habe sich sogar noch gefreut, dass ihr an dem Tag so viel mehr Menschen ungehemmt zugelächelt hatten. In dem Moment fiel ich- sank nieder auf den Bettrand, während sie sich nebenan das Gesicht wusch, und spürte eine unbewusste, nicht zu bändigende Verspannung quer über mein Gesicht kriechen. Sie lachte, und ärgerte sich, und freute sich heimlich über Menschen und deren Art. Warm war sie, und ich auch, betonwarm; der Nordpol schmolz, während der Mond in jener Nacht auf dem Laken im vormöblierten Studentenzimmer mit der Sonne auf der anderen Seite der glühenden Kugel um die Wette brannte- und als das Eisen dieser fremden Stühle im Cafè der Träumer beginnt den Schenkelsand unterm Kleidsaum zu rösten, zahlen wir und gehen in meine Wohnung, wo sie sich über keines der Wandbilder lustig macht, stattdessen einfach nur so lacht, weil die Wärme sie müde mache.

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7 Kommentare
  1. Wir sollten uns viel mehr mit Dreck im Gesicht herumspazieren lassen – scheint mir. Nicht immer: da hängt ein Zettelchen raus, du hast da was, warte, da zwischen den Zähnen…
    Fazit: Ich werde keine:n mehr darauf hinweisen und mich stattdessen darüber freuen, wie viele lächelnde Blicke gesammelt werden können.
    Und ich werde allen Menschen verfallen, die lachen, wenn sie zu Hause im Spiegel den Grund dafür entdecken.

    • Aufrichtig und von ganzem Herzen: Danke!
      Ich bin sicher, „[man kann sich mit Dir] stundenlang unterhalten, ohne über andere Personen zu sprechen.“

      • Ich lache sogar freundlich – auch ganz ohne Dreck!

  2. feralc4t sagte:

    I do not think that google translate does this justice 🙂

  3. …die Träume der anderen an sich zerschellen lassen…
    Was für ein Seiltanz!

  4. Ulf Runge sagte:

    Ich lese das am Tag des Lächelns.

    Eine wunderbare Vorstellung, von anderen Menschen angelächelt zu werden. Um späterhin zu erfahren, dass da auch ein bischen Auslächeln dabei war.

  5. Manchmal gibt es diese besonderen Momente, in denen einfach alles stimmt. Man kann sie nicht festhalten und darum sollte man sie mit allen Sinnen auskosten und abspeichern auf der Festplatte der Erinnerung.
    LG von Rosie.

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